SCHRITT 02ORDERFLOW

Footprint

Ein Candlestick zeigt dir vier Zahlen pro Kerze: Open, High, Low, Close. Der Footprint öffnet die Kerze und zeigt, was darin passiert ist: wie viel auf jedem Preis gehandelt wurde und, wichtiger, von welcher Seite die Aggression kam. Aus einem grünen Balken wird so eine lesbare Geschichte aus Kauf- und Verkaufsdruck.

Roter Faden dieser Lektion, wie überall: Orderflow ist Kontext, kein Signal. Der Footprint erklärt, wie eine Bewegung zustande kam, er sagt dir nicht, was als Nächstes passiert. Sein Wert entsteht an einer Stelle, die schon aus Bias und Location interessant ist.

Was ist ein Footprint?

Faktisch lässt sich sagen: Ein Footprint (auch Cluster-Chart oder Numbers Bars genannt) zerlegt jede Kerze in Preiszeilen und trägt in jede Zeile das dort gehandelte Volumen ein, getrennt nach zwei Seiten:

  • Bid (links): Volumen, das durch aggressive Verkäufer entstand, die in das Gebot verkauft haben (Market-Sell). Das ist die Verkaufsaggression.
  • Ask (rechts): Volumen, das durch aggressive Käufer entstand, die den Brief gehoben haben (Market-Buy). Das ist die Kaufaggression.

Wichtig zum Verständnis: Gemessen wird immer die marktausführende Seite. Zu jedem Trade gehören ein Käufer und ein Verkäufer, aber nur einer von beiden war der Aggressor, der eine Market-Order geschickt und die passive Limit-Order der Gegenseite genommen hat. Genau diese Aggression zählt der Footprint.

FOOTPRINTEine Kerze, aufgeschlüsselt nach Volumen pro Preiseine Kerze auf dem Chart1 Kerze510851075106510551045103510212145201404521088961304095226015BIDASKDelta+218Volumen1.118Buy Imbalancegestapelt: Ask ≫ Bid eine Zeile tieferPOCmeistes Volumen der Kerze
Dieselbe Kerze zweimal: links als normale Candlestick-Kerze, rechts als Footprint aufgeklappt. Jede Zeile ist ein Preis, jede Zelle das dort gehandelte Volumen: links am Bid (Verkäufer, die ins Gebot verkaufen), rechts am Ask (Käufer, die den Brief heben). Je heller die Zelle, desto mehr Volumen.

Sauber getrennt: Der Footprint ist eine Beschreibung der Vergangenheit in feiner Auflösung. Er zeigt, wo und von wem aggressiv gehandelt wurde. Was der Markt als Nächstes tut, steht dort nicht. Alles Weitere sind Namen für Muster in dieser Verteilung.

Anzeigetypen

Dieselben Daten lassen sich unterschiedlich darstellen. Vier Anzeigen tauchen am häufigsten auf, und es lohnt sich, sie nicht zu verwechseln:

  • Bid × Ask: Beide Seiten nebeneinander. Die vollständigste Ansicht, aber auch die dichteste.
  • Delta: Nur die Differenz pro Zeile (Ask − Bid). Reduziert das Bild auf die Netto-Aggression.
  • Volumen: Nur die Summe pro Zeile (Bid + Ask). Zeigt, wo überhaupt gehandelt wurde, ohne die Seite.
  • Profil: Dieselbe Summe als Balken, wie ein Volume Profile, nur für diese eine Kerze. Macht POC und Volumenverteilung auf einen Blick sichtbar, ganz ohne Zahlen zu lesen.
Bid × AskVolumen je Seite510851075106510551045103510212145201404521088961304095226015BIDASKDelta+218
DeltaAsk − Bid pro Zeile+133+120+165+8907345Delta+218
VolumenBid + Ask pro Zeile15716025518417011775Volumen1.118
ProfilVolumen als Balken pro Zeile15716025518417011775Volumen1.118
Dieselbe Kerze, vier Anzeigetypen. Bid × Ask zeigt beide Seiten getrennt, Delta die Differenz pro Zeile (Rost positiv, hell negativ), Volumen nur die Summe, Profil dieselbe Summe als Balken: ein Volume Profile im Kleinen, nur für diese eine Kerze. Der POC (heller Rahmen) bleibt derselbe, egal wie du es darstellst.

Der POC (die volumenstärkste Zeile) bleibt in allen vier Ansichten derselbe Preis. Welche Ansicht du wählst, ist eine Frage der Übersicht, nicht der Daten. Anfänger fahren mit der Profil- oder Delta-Ansicht oft ruhiger, weil das rohe Bid×Ask schnell erschlägt. Wie man ein Volume Profile über ganze Sessions liest, behandelt die eigene Volume-Profile-Lektion.

Delta & Cumulative Delta

Delta ist die einfachste und am häufigsten missverstandene Kennzahl: Ask-Volumen minus Bid-Volumen, also aggressive Käufe minus aggressive Verkäufe. Positiv heißt, die Käufer waren aktiver, negativ die Verkäufer.

Hier müssen wir sauber trennen: Delta ist nicht Richtung. Aggressive Käufer können auf eine Wand passiver Verkäufer treffen, die alles aufnehmen, dann ist das Delta stark positiv, der Preis bewegt sich aber kaum. Diese Lücke zwischen Aggression und Preis ist keine Panne, sie ist die eigentliche Information.

Cumulative Delta (CVD) summiert das Delta über die Zeit auf und macht den Trend der Aggression sichtbar: Steigt das CVD, überwogen aggressive Käufer über die Strecke, fällt es, die Verkäufer. Für sich ist das noch keine Richtung, aber es zeigt, welche Seite den Weg bezahlt hat.

In der Praxis liest man das CVD am besten als eigenen Kerzenchart unter dem Preis. Jede CVD-Kerze beginnt beim laufenden Total und schließt beim Total nach dem Delta ihrer Periode, genau wie eine Preiskerze, nur mit aufsummiertem Delta statt Preis. So werden Aggression und Preis direkt vergleichbar, und Divergenzen springen ins Auge.

CUMULATIVE DELTAPreis oben, aufsummiertes Delta als Kerzen untenPREISCVDPreis: höheres Hoch ↑CVD: tieferes Hoch ↓Höheres Hoch im Preis, tieferes im CVD: die Aggression bleibt zurück.
CVD als Kerzenchart unter dem Preis: jede Kerze summiert das Delta ihrer Periode auf das laufende Total. Hier macht der Preis ein höheres Hoch (B über A), das CVD aber ein tieferes. Die Aggression trägt die Bewegung nicht mehr, eine bärische Divergenz. Ein Kontext-Hinweis, kein Signal, didaktisches Beispiel.

Am aussagekräftigsten ist genau diese Divergenz: Der Preis macht ein neues Hoch, das CVD aber nicht mehr (wie im Bild). Die letzten Hochs entstehen dann eher durch fehlende Verkäufer als durch frische Kaufaggression, die Bewegung läuft auf Reserve. Eine markt-mechanische Beobachtung, ein Hinweis auf mögliche Schwäche, kein Verkaufssignal. Am Tief gilt dasselbe spiegelbildlich.

Vorsicht mit Delta: Es ist verlockend, jeden Delta-Sprung zu handeln. Aber ein einzelner Delta-Wert ohne Location und ohne Reaktion ist Rauschen. Delta bestätigt oder widerspricht eine Idee, es erzeugt keine. Und das CVD erbt die Datenqualität des Deltas: bei Tick-Volumen oder geschätzter Aggressor-Seite bleibt es eine Näherung. Je nach Einstellung startet es zudem pro Session neu oder läuft durch, das verschiebt das Bild.

Imbalance

Eine Imbalance (Ungleichgewicht) markiert eine Zeile, in der eine Seite die andere deutlich dominiert hat. Verglichen wird dabei nicht auf demselben Preis, sondern diagonal versetzt: das Ask auf einem Preis gegen das Bid eine Zeile darunter.

Warum diagonal? Der Grund ist der Spread, der kleine Abstand zwischen Kauf- und Verkaufsseite: Das beste Gebot (Bid) liegt immer unter dem besten Angebot (Ask), in liquiden Märkten meist genau einen Tick. Wer in einem Moment aggressiv kauft, zahlt also das Ask auf 4019. Wer im selben Moment aggressiv verkauft, trifft das Bid auf 4018, eine Zeile tiefer. Diagonal verglichen stehen sich damit genau die Käufer und Verkäufer gegenüber, die um dieselbe Stelle gekämpft haben.

Ein Vergleich auf demselben Preis würde dagegen Trades aus verschiedenen Momenten mischen: Das Bid auf 4019 wurde erst gehandelt, als der Markt bereits eine Stufe höher stand (Spread 4019/4020). Deshalb ist der diagonale Versatz kein Trick, sondern die einzige Art, gleichzeitige Aggression sauber gegeneinander zu stellen.

Übersteigt eine Seite die andere deutlich, ist die übliche Schwelle grob 3:1 (in vielen Plattformen 300%, einstellbar), gilt die Zeile als Imbalance. Einzeln ist das wenig. Gestapelt, also über mehrere Preise in Folge, hinterlässt es ein beachtetes Level.

IMBALANCEDiagonaler Vergleich, mind. 3:1, gestapelt zum Level40214020401940184017401640153044286022150181321512040667030BIDASKDelta+379Diagonal 150 : 18Ask gegen Bid eine Zeile tiefer, ≈ 8:1Gestapelt3 Buy Imbalances = Support-Level
Verglichen wird diagonal: das Ask auf einem Preis gegen das Bid eine Zeile darunter. Dominiert eine Seite deutlich (hier grob 3:1 oder mehr), füllt die Software die Zelle ein. Mehrere gestapelt hinterlassen ein beachtetes Level, hier aggressive Käufer, die eine Zone verteidigt haben.

Markt-mechanische Interpretation: Gestapelte Imbalances zeigen, wo eine Seite über eine Strecke aggressiv war. Solche Zonen werden häufig erneut getestet, ähnlich einem Value-Rand oder einer Supply/Demand-Zone. Es bleibt ein Level, kein Trigger: es zählt, was beim Wiederbesuch passiert.

Absorption

Absorption ist das Gegenstück zum erfolgreichen Durchbruch. Eine Seite handelt aggressiv, das Volumen an einem Level explodiert, aber der Preis kommt nicht weiter. Der Grund: Auf der Gegenseite liegen große passive Limit-Orders, die die Aggression aufnehmen, ohne nachzugeben.

Im normalen Chart siehst du davon oft nur einen Docht. Der Footprint zeigt das Warum: riesiges Volumen genau dort, wo der Preis abgeprallt ist. Wer aggressiv verkauft hat und nicht tiefer kam, sitzt danach womöglich auf der falschen Seite.

ABSORPTION
Aggressive Verkäufer, aber der Preis hält
33083307330633053304330333022034264040557062180663207841090BIDASKDelta−641Absorptionriesiges Bid, aber der Preisfällt nicht weiterVerkäufer waren aggressiv, wurden aber passiv aufgefangen.
Absorption heißt: Eine Seite handelt aggressiv (hier Verkäufer, riesiges Bid-Volumen am Tief), aber der Preis kommt nicht weiter. Passive Limit-Orders fangen die Aggression auf. Das ist eine Interpretation, kein Trigger: sie zählt erst, wenn danach Follow-through in die Gegenrichtung kommt.

Kein Trigger für sich: Absorption zeigt, dass Aggression aufgefangen wurde, mehr nicht. Ob daraus eine Umkehr wird, entscheidet erst das Follow-through in die Gegenrichtung. Ohne Folgebewegung war es nur viel Volumen an einem Level. Und: Absorption kann selbst absorbiert werden, wenn schließlich doch genug Aggression nachkommt.

Trapped Traders

Eng verwandt mit der Absorption, aber auf Kerzenebene: Trapped Traders (gefangene Händler) sind die aggressive Seite, die das Volumen gewonnen hat, aber nicht den Preis. Eine Kerze druckt zum Beispiel stark positives Delta, die Käufer waren also klar aktiver, schließt aber am Tief oder fällt sogar. Die aggressiven Käufer haben oben gekauft und sitzen jetzt im Minus.

Der Mechanismus ist derselbe wie bei der Absorption, nur aus Sicht des Verlierers: Ihre Aggression wurde von passiven Limits aufgefangen, der Preis lief gegen sie. Um herauszukommen, müssen sie gegen sich selbst handeln, gefangene Käufer müssen also verkaufen. Genau dieses erzwungene Glattstellen liefert oft den Treibstoff für die Gegenbewegung.

Praktisch sucht man die Divergenz zwischen Delta und Kerzen-Ergebnis: viel Kaufaggression, aber kein höherer Schluss (oder umgekehrt viel Verkaufsdruck ohne tieferen Schluss). Das ist der Kerzen-Zwilling zur CVD-Divergenz, nur auf eine einzelne Kerze verdichtet.

Wie immer: Ein einzelnes Trapped-Muster mitten in der Range ist Rauschen. Erst an einer Location und mit Follow-through wird daraus etwas, an dem man eine Idee aufhängen kann.

POC & unfertige Ränder

Der Footprint-POC ist dieselbe Idee wie beim Volume Profile, nur je Kerze: die Preiszeile mit dem meisten Volumen, der Punkt der höchsten Akzeptanz innerhalb dieser Kerze. Reiht man die POCs mehrerer Kerzen aneinander, entsteht eine Spur, an der sich der faire Preis entlanghangelt.

Ein Bezug zur TPO-Lektion: Ein sauberes Auktionsende (Excess) zeigt sich im Footprint als Extrem mit wenig Volumen, der Preis wurde schnell abgelehnt. Druckt der Rand dagegen beidseitig viel Volumen (auf Bid und Ask), war die Auktion dort unfertig, der Markt kehrt oft zurück, um sie zu beenden. Zeit (TPO) und Volumen (Footprint) erzählen dieselbe Geschichte in unterschiedlicher Einheit.

Im Kontext lesen

Der Footprint ist die feinste Auflösung, die wir haben, und genau deshalb die gefährlichste, wenn man sie isoliert liest. Auf jeder einzelnen Kerze findet sich irgendein Muster. Aussagekraft bekommt es erst durch die Frage: Wo passiert das?

  • An einer Location: Absorption an einer frischen Demand-Zone, am VWAP oder am Value-Rand wiegt schwerer als Absorption mitten im Nichts.
  • Delta-Divergenz an einem Extrem: Neues Hoch, aber das CVD trägt nicht mehr, das passt zu einem müden Auktionsende.
  • Gestapelte Imbalances als Level: als zusätzliche Confluence (Zusammentreffen mehrerer unabhängiger Hinweise) zu Profil- und Auktionsstruktur, nicht als eigenständiger Grund.
  • Erschöpfung: ein Volumen-Spike am Extrem, gefolgt von fehlendem Follow-through, deutet auf eine leerlaufende Bewegung.

Das Muster dahinter ist immer dasselbe: Die Location liefert die Stelle, der Footprint die Reaktion an dieser Stelle. Fehlt die Location, ist der Footprint nur Rauschen in hoher Auflösung.

Datenqualität, ehrlich

Ein Footprint ist nur so gut wie seine Daten, und hier gibt es harte Grenzen:

  • Echtes Volumen nötig: Nur zentralisierte Märkte (Futures, Aktien) liefern echtes, gemeldetes Volumen mit Bid/Ask-Zuordnung. Dort funktioniert der Footprint sauber.
  • Forex: Es gibt kein zentrales Volumen. Was du siehst, ist Tick-Volumen (Anzahl der Preisänderungen) als Näherung, nicht die gehandelte Menge. Ein Footprint ist dort mit Vorsicht zu genießen.
  • Krypto: hängt von der Börse ab, ein Footprint zeigt jeweils nur deren Volumen, nicht den Gesamtmarkt.
  • Aggressor-Zuordnung: Manche Feeds liefern die echte aggressive Seite, andere schätzen sie über Regeln (Trade am oder über dem Ask = Kauf). Das ist eine Näherung, kein lückenloses Protokoll.

Keine Institutionen-Legende: Ein großer Ask-Cluster beweist nicht, dass „Smart Money" gekauft hat. Er zeigt aggressives Kaufvolumen an einer Stelle, mehr sagt die Zahl nicht. Wer sicher weiß, wer gehandelt hat, erzählt eine Geschichte, keine Daten.

Typische Fehler

  • Delta als Signal handeln: Positives Delta ist kein Kaufsignal. Aggression ist nicht Richtung, und ohne Location ist ein Delta-Wert Rauschen.
  • Absorption ohne Follow-through: Viel Volumen an einem Level ist erst dann Absorption mit Bedeutung, wenn die Gegenbewegung folgt.
  • Einzelne Kerzen überlesen: Auf jeder Kerze findet sich ein Muster. Erst die Sequenz und der Kontext machen es aussagekräftig.
  • Delta mit Volumen verwechseln: Delta ist die Differenz der Seiten, Volumen ihre Summe. Zwei verschiedene Fragen.
  • Tick-Volumen für echtes Volumen halten: Im Forex ist der Footprint eine Näherung. Als Kontext brauchbar, kein Ersatz für echtes Volumen.
  • Die Aggressor-Seite für Wahrheit halten: Bid/Ask ist teils geschätzt. Baue keine Gewissheit auf einer Näherung auf.

Hinweis: Alle Zahlen und Muster hier sind didaktische Beispiele, kein Handelssignal und keine Finanzberatung. Der Footprint liefert Kontext, der am Markt geprüft werden muss.

Fazit

Der Footprint öffnet die Kerze und zeigt, wie eine Bewegung zustande kam: wo aggressiv gehandelt wurde, welche Seite drückte und wo Aggression aufgefangen wurde. Das ist der feinste Kontext, den wir haben, und genau deshalb nur so viel wert wie die Frage, wo man ihn liest.

  • I. Bid vs. Ask: Der Footprint misst die aggressive Seite pro Preis. Bid = Verkaufsaggression, Ask = Kaufaggression.
  • II. Delta ist nicht Richtung: Aggression und Preis können auseinanderlaufen. Die Divergenz ist der interessante Teil, nicht der Absolutwert.
  • III. Imbalance & Absorption: Gestapelte Imbalances hinterlassen Level, Absorption zeigt aufgefangene Aggression. Beides braucht Follow-through.
  • IV. Kontext, kein Signal: Der Footprint bestätigt eine Idee an einer Location. Ohne Location ist er Rauschen in hoher Auflösung.

Wissens-Check

Prüfe dein Wissen anhand von 10 Fragen. Die Auflösung kommt direkt nach jeder Antwort, jeder neue Versuch zieht andere Fragen.

Frage 1 / 10
01Was zeigt ein Footprint-Chart?