SCHRITT 02VOLUME PROFILE

Volume Profile

Ein Volume Profile zeigt dir nicht, wann gehandelt wurde, sondern wo. Es dreht den Chart um 90 Grad: Statt Preis über Zeit siehst du Volumen über Preis. Damit wird sichtbar, welche Level der Markt akzeptiert hat und welche er nur durchquert hat.

Was ist ein Volume Profile?

Ein normaler Chart trägt das Volumen unten als Balken pro Zeiteinheit ab. Ein Volume Profile macht etwas anderes: Es summiert das gehandelte Volumen pro Preislevel und stellt es als horizontales Histogramm dar. Breite Balken bedeuten viel Handel auf diesem Level, schmale Balken wenig.

Faktisch lässt sich sagen: Das Profil ist eine Beschreibung der Vergangenheit. Es zeigt, wo Käufer und Verkäufer sich auf einen Preis einigen konnten (viel Volumen, Akzeptanz) und wo nicht (wenig Volumen, schnelle Bewegung). Es ist kein Indikator, der die Zukunft berechnet, sondern eine Landkarte der bisherigen Aktivität.

Ein Alltagsbeispiel: Stell dir einen Marktplatz über einen Tag vor. An manchen Ständen drängen sich die Leute, da wird ständig gekauft und verkauft. Andere Ecken bleiben leer, dort geht man nur durch. Das Volume Profile ist die Auswertung am Abend: breite Balken zeigen die umlagerten Preise, schmale Balken die, die der Markt nur durchlaufen hat.

VOLUME PROFILEVALUE AREA ~70%VAHVALPOCHVNhohe AkzeptanzLVNschnell durchquertPOCgrößtes Volumen
Anatomie eines Volume Profiles: POC, Value Area, HVN und LVN

Die Logik dahinter ist die gleiche wie bei der Auktionstheorie: Der Markt sucht den Bereich, in dem am meisten Handel stattfindet, den Fair Value. Das Volume Profile macht diesen Bereich nur sichtbar. Das Warum (Balance, Imbalance, Akzeptanz, Ablehnung) behandeln wir ausführlich auf der AMT-Seite.

Die Kernkomponenten

Vier Begriffe tauchen bei jedem Profil auf. Sie überschneiden sich mit der AMT, hier kurz im Werkzeug-Kontext:

POC
Point of Control
Das Preislevel mit dem höchsten gehandelten Volumen. Der zentrale Referenzpunkt, an dem sich Käufer und Verkäufer am stärksten getroffen haben.
VA
Value Area (VAH / VAL)
Der Bereich um den POC, in dem üblicherweise rund 70% des Volumens lagen. VAH ist die obere, VAL die untere Grenze. Die 70% sind eine gängige Standardeinstellung.
HVN
High Volume Node
Eine Preiszone mit überdurchschnittlich viel Volumen. Hohe Akzeptanz, der Preis verweilt hier eher und rotiert, statt schnell durchzulaufen.
LVN
Low Volume Node
Eine Preiszone mit auffällig wenig Volumen. Geringe Akzeptanz, solche Bereiche werden tendenziell schnell durchquert.

Sauber getrennt: Dass HVN-Zonen Rotation anziehen und LVN-Zonen schnell durchlaufen werden, ist eine Tendenz aus Beobachtung und Auktionslogik, keine mechanische Regel. Der Preis muss sich nicht so verhalten, er tut es nur überdurchschnittlich oft.

Profil-Typen: Was wird profiliert?

Ein Profil ist immer nur so aussagekräftig wie der Bereich, über den es gebildet wird. Dieselben Kursdaten ergeben völlig unterschiedliche Profile, je nachdem, welches Zeitfenster du wählst. Das ist die wichtigste und meistübersehene Entscheidung.

SESSION / TAGProfil dieses Bereichs
Profil-Typen: Session / Tag (1 von 4)
  • Session / Tag: Das Profil einer einzelnen Handelssession. Gut für den Intraday-Kontext und Tages-POCs.
  • Composite: Mehrere Sessions zu einem Profil verschmolzen. Zeigt die großen Akzeptanzbereiche und den übergeordneten Kontext.
  • Fixed Range: Ein frei gewählter Bereich, etwa eine bestimmte Bewegung oder Konsolidierung. Du entscheidest, was relevant ist.
  • Visible Range: Das Profil über alles, was gerade im Chart sichtbar ist. Praktisch, aber abhängig vom Zoom.

Konsequenz: Ein Session-POC und ein Composite-POC sind nicht dasselbe und beantworten verschiedene Fragen. Wer Profile vergleicht, ohne auf den Typ und den Zeitraum zu achten, vergleicht Äpfel mit Birnen.

Profil-Formen lesen

Die Form eines Profils erzählt etwas über den Charakter der Session. Wo sitzt der Volumen-Bauch, gibt es einen klaren POC oder ist alles dünn verteilt? Vier Grundformen tauchen immer wieder auf:

KursverlaufProfilD-ProfilNormal / BalanceSymmetrische Glocke, POC mittig.Preis pendelt um einen Fair Value,beidseitig akzeptiert.Deutung als Kontext, keine Regel.
Profil-Formen: D-Profil (1 von 4)

Wichtig zur Einordnung: Die Deutungen (P-Profil = Short Covering, also Shorts, die ihre Positionen zurückkaufen; b-Profil = Long Liquidation, Longs, die verkaufen) stammen aus der Market-Profile-Literatur. Sie sind eine bewährte Interpretationslogik, kein Automatismus. Dieselbe Form kann je nach Kontext unterschiedlich zu lesen sein. Beobachtung vor Etikett.

Volume Profile vs. Market Profile (TPO)

Beide Werkzeuge sehen sich ähnlich, messen aber Unterschiedliches. Das Market Profile baut die Verteilung über die Zeit auf: Für jede Zeitperiode, in der der Preis ein Level berührt, wird ein TPO (Time Price Opportunity, meist ein Buchstabe) eingetragen. Das Volume Profile nutzt das tatsächlich gehandelte Volumen pro Level.

Beide sind Ausdruck derselben Auktionslogik und liefern oft ähnliche POCs und Value Areas. Das Volume Profile braucht echte Volumendaten, das Market Profile kommt allein mit Preis und Zeit aus.

Datenqualität, ehrlich: Ein Volume Profile ist nur so gut wie seine Volumendaten. Zentralisierte Märkte (Futures, Aktien) liefern echtes, gemeldetes Volumen. Im Forex gibt es kein zentrales Volumen, dort siehst du nur Tick-Volumen (Anzahl der Preisänderungen) als Näherung, nicht die gehandelte Menge. Bei Krypto hängt es von der Börse ab, ein Profil zeigt jeweils nur deren Volumen. Wo echtes Volumen fehlt, ist das Market Profile (TPO) oft die robustere Wahl.

Attribution: Das Market Profile und die zugrunde liegende Auction Market Theory gehen auf J. Peter Steidlmayer zurück, entwickelt in den 1980er-Jahren am Chicago Board of Trade.

Anwendung in der Praxis

Das Profil ist ein Kontext-Werkzeug, kein Signalgeber. Seine Level werden interessant, weil viele Teilnehmer sie beobachten und weil sie zeigen, wo zuvor Akzeptanz oder Ablehnung herrschte. Die häufigsten Anwendungen:

  • POC und VA-Ränder als Referenzen: Der gestrige POC, VAH und VAL dienen als Orientierungslevel für die nächste Session.
  • Naked POC und unbesuchte Ränder: Ein POC, der seit seiner Entstehung nicht wieder besucht wurde, wird oft als Anziehungspunkt beobachtet. Das Gleiche gilt für unbesuchte VAH/VAL und einzelne dünne Ränder (Single Prints, Preislevel, die nur eine einzige Kerze berührt hat), auch das sind unerledigte Referenzen.
  • HVN als Bremszone, LVN als Durchgang: An HVNs verlangsamt sich der Preis tendenziell, durch LVNs läuft er schneller.
  • Value Migration: Wandert die Value Area Session für Session nach oben oder unten, liefert das übergeordneten Kontext.
  • Eröffnung relativ zur Value Area: Wo der Preis zur Vortags-Value öffnet, setzt schon eine Erwartung. Eine Eröffnung innerhalb der Value deutet eher auf Balance und Rotation, klar darüber oder darunter auf einen möglichen Trendtag, der die Akzeptanz außerhalb aber erst beweisen muss. Eine Erwartung, kein Befehl.
  • Confluence: Das Zusammentreffen mehrerer Referenzen auf einem Preis. Am stärksten wird es, wenn ein Profil-Level mit einer Supply/Demand-Zone oder AMT-Struktur zusammenfällt.
VortagHeuteProfilPOC (Vortag)Naked POC: unbesuchtWiederbesuch+ Reaktion
Anwendung: ein unbesuchter POC (Naked POC) aus dem Vortag wird zum Magneten

Kein Signal für sich: Dass der Preis einen Naked POC anläuft, ist eine beobachtbare Tendenz, keine Garantie. Erst die Reaktion am Level macht daraus eine handelbare Idee: Absorption (aggressive Orders werden aufgefangen, ohne dass der Preis weiterläuft), ein Delta-Shift (das Verhältnis von Kauf- zu Verkaufsvolumen dreht) oder Follow-through (die Bewegung setzt nach). Diese Orderflow-Begriffe bekommen in der Footprint-Lektion ihren eigenen Auftritt.

Ein Punkt, den viele übersehen: Innerhalb einer laufenden Session ist das Profil noch nicht fertig. POC und Value Area verschieben sich, während Volumen dazukommt (Developing POC, Developing Value Area). Ein Level, das jetzt wie der POC aussieht, muss es zum Close nicht mehr sein. Erst das geschlossene Profil ist die Referenz, mit der die nächste Session arbeitet.

Drei Beispiel-Anwendungen

So könnte das Zusammenspiel aus einem Profil-Element und zusätzlicher Confluence aussehen. Achte auf das Muster dahinter: das Profil liefert die Landkarte, die Confluence den Kontext, die Reaktion den Auslöser. Fehlt eins davon, ist es kein Trade.

Wichtig: Das sind didaktische Beispiele, um das Zusammenspiel zu zeigen, keine Handelssignale und keine Finanzberatung. Kein Setup funktioniert ohne Bestätigung und Risikomanagement, und keines funktioniert immer.

1. Naked POC trifft Demand-Zone

  • Profil-Element: Ein unbesuchter POC (Naked POC) vom Vortag liegt unter dem aktuellen Preis.
  • Confluence: Der POC deckt sich mit einer frischen Demand-Zone (Drop-Base-Rally), und der übergeordnete Kontext zeigt nach oben.
  • Die Idee: Läuft der Preis das Level an, wartest du auf eine Reaktion (Absorption, Delta dreht auf Kauf, Bestätigungskerze). Der Auslöser ist die Reaktion, nicht das Level selbst.
  • Risiko: Stop unter die Zone plus Puffer, mögliches Ziel die nächste HVN oder Gegenzone. Bleibt die Reaktion aus, gibt es keinen Trade.
KursverlaufVolumenprofilDemand-ZonePOC unbesuchtCRV 1 : 2,6Ziel (HVN)EntryStopReaktionHVNPOCDemand
Beispiel 1: Ein unbesuchter POC deckt sich mit einer Demand-Zone. Reaktion als Auslöser, daraus ein Trade mit definiertem Risiko und Ziel

2. Rotation am Value-Area-Rand

  • Profil-Element: Der Preis erreicht den unteren Rand der Value Area (VAL) einer etablierten Balance.
  • Confluence: Der Markt ist klar in Balance (Range), kein übergeordneter Abwärtsdruck. Die AMT-Logik: an den Value-Rändern ist Rotation wahrscheinlicher als ein sofortiger Bruch.
  • Die Idee: Am VAL auf eine responsive Reaktion achten (Käufer verteidigen den Rand) und eine Rotation Richtung POC oder VAH in Betracht ziehen. Bricht der Preis den VAL mit Volumen, ist die Idee hinfällig, dann sucht der Markt eher tiefer.
  • Risiko: Stop knapp unter den VAL plus Puffer, Teilziel der POC, danach der VAH. Bei Bruch oder ausbleibender Reaktion raus.
KursverlaufVolumenprofilCRV 1 : 2,7Ziel (POC)EntryStopReaktion am VALVAHPOCVAL
Beispiel 2: Am unteren Value-Rand (VAL) verteidigen Käufer, der Markt rotiert zurück zum POC. Enger Stop unter den VAL

3. LVN-Durchgang nach Breakout

  • Profil-Element: Über dem Preis liegt eine dünne Zone (LVN), darüber der nächste High Volume Node.
  • Confluence: Ein Breakout aus der Value Area mit deutlicher Volumenausweitung, im Einklang mit dem übergeordneten Kontext.
  • Die Idee: Akzeptiert der Markt über dem Value-Rand, wird die dünne LVN-Strecke oft zügig durchlaufen, bis zum nächsten HVN, der als Bremszone dient. Der HVN ist das logische Ziel, nicht ein beliebig weit entferntes.
  • Risiko: Stop zurück in die Value Area, ein Fakeout negiert die Idee. Kehrt der Preis in die Value zurück, war es kein echter Breakout.
KursverlaufVolumenprofilVAH · Ausbruchs-LevelCRV 1 : 2,8Ziel (HVN)EntryStopLVN · schneller DurchgangAusbruchHVNLVNVAHValue
Beispiel 3: Ausbruch über die VAH, die dünne LVN darüber wird zügig durchlaufen, Ziel ist der nächste HVN. Schematisches Beispiel, keine Handelsempfehlung

In allen drei Fällen ist das Profil-Level nur der Ausgangspunkt. Ohne die Confluence und ohne eine sichtbare Reaktion bleibt es eine Beobachtung, kein Trade. Mehr zu Einstieg, Stop und Ziel im S&D-Kapitel.

Typische Fehler

  • Den POC als magisches Level behandeln: Der POC ist ein Referenzpunkt, kein Umkehrgarant. Er sagt, wo Volumen lag, nicht, wohin der Preis muss.
  • Den Profil-Typ ignorieren: Einen Session-POC mit einem Composite-POC zu verwechseln, führt zu falschen Schlüssen. Immer wissen, über welchen Zeitraum profiliert wird.
  • Das Profil als alleinstehendes Signal nutzen: Ohne Reaktion, Orderflow und übergeordneten Kontext ist ein Level nur ein Level.
  • Formen mechanisch deuten: Ein P-Profil bedeutet nicht automatisch dasselbe. Die Form ist Kontext, kein Befehl.
  • Den Naked-POC-Wiederbesuch als sicher annehmen: Es ist eine Tendenz. Tendenzen brauchen Risikomanagement, weil sie auch ausbleiben.
  • Das Live-Profil für endgültig halten: Intraday wandern POC und Value Area noch. Wer ein halbfertiges Profil wie ein fertiges liest, baut auf einem Level, das sich bis zum Close verschiebt.
  • Tick-Volumen für echtes Volumen halten: Im Forex ist das Profil eine Näherung über Preisänderungen, nicht über gehandelte Menge. Brauchbar als Kontext, aber kein Ersatz für echtes Volumen wie bei Futures.

Die meisten dieser Fehler haben dieselbe Wurzel: ein Werkzeug für ein Signal zu halten. Das Profil ordnet ein, es entscheidet nicht. Wie das in Einstieg, Stop und Risiko mündet, steht im S&D-Kapitel und in den Risiko-Lektionen.

Fazit

Das Volume Profile übersetzt Volumen in eine Landkarte über den Preis. Es zeigt, wo der Markt Wert gebaut hat und wo nicht. Mehr nicht, aber das sauber.

  • I. Volumen über Preis, nicht über Zeit: Das Profil beschreibt Akzeptanz (viel Volumen) und Ablehnung (wenig Volumen).
  • II. POC, Value Area, HVN, LVN: Die vier Referenzpunkte, die jedes Profil liefert. Das Warum steht in der AMT.
  • III. Der Typ entscheidet: Session, Composite, Fixed Range oder Visible Range beantworten verschiedene Fragen. Immer den Zeitraum kennen.
  • IV. Kontext, kein Signal: Profil-Level brauchen Reaktion und Confluence. Sie ordnen ein, sie entscheiden nicht.

Wissens-Check

Prüfe dein Wissen anhand von 10 Fragen. Die Auflösung kommt direkt nach jeder Antwort, jeder neue Versuch zieht andere Fragen.

Frage 1 / 10
01Was zeigt ein Volume Profile?